Solidarität in Sachen Zweithaar

Interview mit Siggi Ebenhoch aus der Friseurwelt, März 2002

Perücken für Krebspatienten sind nicht nur eine optische Hilfe. Der psychische Gewinn ist enorm, wenn sich dieser Kundenkreis mit dem Zweithaar wohl fühlt. Im letzten Jahr wurde unter der Initiative des Friseurs Siggi Ebenhoch ein Solidarpakt gegründet, der die Qualität der Dienstleistung Zweithaar für Krebspatienten verbessern und gegen Missstände bei der Kassenzuzahlung angehen will. Wir sprachen mit Siggi Ebenhoch über den Solidarpakt.

FRISEURWELT: Was bedeutet der SPFfK genau?
Siggi Ebenhoch: Der SPFfK ist der "Solidarpakt der Friseure für Krebspatienten". Mitglieder sind Welt-, Deutsche- und Europameister sowie vereidigte Sachverständige aus sechs Bundesländern. Wir sehen uns als Streiter für die Krebspatienten, wenn sie bedingt durch eine Chemotherapie die Haare verlieren. Oft erhalten jedoch die Patienten nicht den ihnen nach dem Gesetz zustehenden Haarersatz, einerseits wegen schlecht arbeitender Friseure, andererseits wegen der Krankenkassen.
Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die gegensätzlichen Ansichten zwischen dem Verband der Angestelltenkrankenkassen (VDAK) und anderen einzelnen Krankenkassen sowie korrekt arbeitenden Friseuren auf eine vernünftige Ebene zu bringen.

FRISEURWELT: Was sind denn die verschiedenen Standpunkte?
Der VDAK sucht den billigsten Anbieter und bezeichnet diese Versorgung ohne jegliche Kontrolle und Fachkenntnis als ausreichend. Zudem kommen viele Perückenanbieter nicht über die Leistung, sondern nur über den Preis überhaupt an Kunden. Die Haltbarkeit von dieser Art‚ "Perückendienstleistung" ist gering, so dass der Patient nach kurzer Zeit hilflos vor dem Spiegel steht, und keiner fühlt sich verantwortlich.
Wir vom SPFfK sehen den Patienten und dessen psychische und physische Probleme, die durch die Glatzenbildung im Zuge der Chemotherapie auftreten, als Mittelpunkt unserer Arbeit. Unser Ziel ist es, Stressfaktoren zu beseitigen.

FRISEURWELT: Kommen Sie mit dem "Solidarpakt der Friseure für Krebspatienten" voran?
Es ist jedenfalls nicht einfach, die verkrustete Einstellung der Friseure, Krankenkassen und Patienten bundesweit auf den richtigen Weg zu bringen. Zum einen gilt es, Patienten bundesweit auf den richtigen Weg zu bringen. Zum anderen geht es darum, Patienten davon zu überzeugen, dass die Perücken, die sie als Kunden beim Vorbeilaufen in einem Kaufhaus sehen, in den wenigsten Fällen ausreichen, um bei einer Chemotherapie die notwendige psychische Entlastung zu bringen. Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob ich mal aus Spaß eine andere Frisur tragen möchte und noch eigene Haare habe, oder ob ich eine Perücke tragen muss, weil ich keine eigenen Haare mehr habe. Dies bestätigen alle Patienten, und die Dankbarkeit für eine fachgerechte Perücke ist bei den Patienten enorm! Weiterhin müsste sich das Verhalten von Friseuren in Sachen Perückenverkauf ändern. Es hilft nicht, nur die Perücken auszusuchen, aufzusetzen und fertig. Wenn Friseure sich nicht das nötige Fachwissen angeeignet haben und nicht mit Liebe zur Perückenarbeit, sondern nur des Umsatzes wegen einen Krebspatienten bedienen, so ist dies zu verurteilen.

FRISEURWELT: Und die Krankenkassen?
Auch die Überzeugungsarbeit bei den Krankenkassen stellt uns vor Schwierigkeiten. Der VDAK geht nach dem Motto: billigstes Angebot, von einem Friseur erstellt, ist gleich fachgerecht und ausreichend, sowie zweck- und gesetzmäßig. Niemanden interessiert es noch, wie es dann nach dem Verkaufsvorgang aussieht. Dabei wird offen zugegeben, dass man auch gar nicht in der Lage ist, die Leistungen zu beurteilen. Interessant wäre es natürlich zu wissen, nach welchen Kriterien der VDAK die Vertragspreise festsetzt, wenn er überhaupt nicht beurteilen kann, was bei einer Perücke "ausreichend" ist.
Zudem wurden Verträge zwischen dem VDAK und einzelnen Landesverbänden abgeschlossen, die so angelegt sind, dass sie nur nach einvernehmlicher Entscheidung abgeändert werden können. Das heißt, wenn der VDAK eine höhere Zuzahlung nicht will, bleibt der alte Preis. Ein dickeres Eigentor kann es für die Friseure wohl nicht geben. Wenn so ein Vertrag dann von einem Landesinnungsmeister unterschrieben wird, bedeutet dies auch offiziell, alles sei fachlich korrekt. Es interessiert niemanden, dass die Perücken qualitativ schlecht sein könnten. Gerade bei Chemotherapie-Patienten ist diese Verhaltensweise alles andere als korrekt und auf keinen Fall ausreichend, da eine technische Bearbeitung ohne Bezahlung nicht vorgenommen werden kann. Dass diese "Billigperücken" oft nicht getragen werden, ist eine Beitragsverschwendung erster Güte, dass Geld ausgegeben wird, ohne dass der Patient davon etwas hat. Umdenken ist hier angesagt.

FRISEURWELT: Welche Leistung hat der Kunde bei fachlich korrekter Arbeit zu erwarten?
Eine Haltbarkeitsgarantie von 1 bis 1 ¼ Jahren bei einer Kunsthaarperücke, 2 ½ bis 3 Jahre bei einer Schnitthaarperücke. Die Perücke hat keinen unnatürlichen Glanz, und die Haare bewegen sich natürlich. Die Stirnansätze sind weich soliert.
Eine Perücke ist dann fachgerecht, wenn der Patient nach dem Anpassen in den Spiegel schauen und erkennen kann, dass das Spiegelbild seien Persönlichkeit zeigt und ihm keine fremde Person gegenübersitzt. Freunde und Bekannte dürfen nicht merken, dass der Patient eine Perücke trägt. Auch muss ihm die Handhabung genau gezeigt werden, denn sonst ist die beste Arbeit schnell zunichte gemacht.
Nach 30 Tagen Tragezeit wird die Perücke vom Fachmann so gepflegt, dass sie aussieht wie neu.

FRISEURWELT: Glauben Sie an eine Einigung mit dem VDAK?
Durch die Erfahrungen aus der Vergangenheit muss ich diese Frage mit Nein beantworten. Die einzelnen Krankenkassen sind hingegen wesentlich patientenfreundlicher. Hier wurden bereits Gespräche geführt, die konstruktiv und sehr offen verlaufen sind.

FRISEURWELT: Was kann der SPFfK für die Patienten tun?
Es werden Musterprozesse geführt werden müssen. Das Gremium des SPFfK wird hier die Patienten voll unterstützen. Auch von den Landesinnungsmeistern und Vertretern des Deutschen Friseurhandwerks erwarten wir ein Umdenken in Sachen Vertragspolitik mit dem VDAK. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass es bei einer Perücke nicht darum geht, eine Bedeckung des kahlen Kopfes zu erreichen, sondern den Patienten psychisch und physisch zu stärken, ihm Selbstvertrauen zurückzugeben und die Lebensqualität zu steigern.

Herr Ebenhoch, vielen Dank für das Gespräch.